Multimomentstudie: Ablauf, Dauer und Ergebnisse verständlich erklärt
Die Multimomentstudie ist ein statistisch gestütztes Beobachtungsverfahren, mit dem sich Tätigkeits- und Verlustzeitanteile in der Produktion objektiv bestimmen lassen. Dieser Fachbeitrag erklärt Entscheidern in Werkleitung, Produktionsleitung, Industrial Engineering und Betriebsrat, wie eine solche Studie abläuft, wovon ihre Dauer abhängt und welche Ergebnisse sie liefert.
Die Multimomentstudie in zwei Sätzen
Eine Multimomentstudie erfasst über viele zufällig verteilte Kurzzeitbeobachtungen, wie sich die Arbeitszeit auf definierte Tätigkeiten und Verlustzeiten verteilt. Statt einzelne Abläufe minutiös zu stoppen, entstehen aus einer großen Zahl von Momentaufnahmen belastbare prozentuale Anteile.
Der Ablauf gliedert sich in Vorbereitung, Beobachtungsphase und Auswertung. Die Dauer richtet sich nach Untersuchungsbereich, Anzahl der Arbeitsplätze, Schichtmodell und gewünschter Genauigkeit. Als Ergebnis stehen nachvollziehbare Tätigkeitsanteile, eine Struktur der Verlustzeiten und daraus abgeleitete, priorisierte Ansatzpunkte für Verbesserungen zur Verfügung.
Warum und wann eine Multimomentstudie sinnvoll ist
Sinnvoll ist eine Multimomentstudie immer dann, wenn Sie ein belastbares Gesamtbild über die Verteilung der Arbeitszeit benötigen, ohne einzelne Arbeitsplätze dauerhaft zu beobachten. Sie macht sichtbar, welcher Anteil auf produktive Tätigkeiten entfällt und welcher auf Nebenzeiten und Verlustzeiten – und wo diese systematisch entstehen.
- Produktive TätigkeitenWertschöpfende Arbeit an Anlage, Werkstück oder Auftrag.
- NebenzeitenNotwendige, aber nicht direkt wertschöpfende Tätigkeiten wie Rüsten oder Dokumentation.
- WartenStillstand durch fehlende Freigaben, Vorgänger- oder Nachfolgeprozesse.
- SuchenZeit für das Finden von Werkzeugen, Material, Informationen oder Ansprechpartnern.
- StörungenUnterbrechungen durch technische Ausfälle oder ungeplante Ereignisse.
- MaterialmangelWartezeiten, weil benötigtes Material nicht rechtzeitig bereitsteht.
Im Unterschied zur klassischen Zeitaufnahme, die einzelne Abläufe detailliert und kontinuierlich misst, arbeitet die Multimomentstudie mit stichprobenartigen Kurzzeitbeobachtungen über viele Arbeitsplätze hinweg. Die Zeitaufnahme liefert präzise Vorgabezeiten für eng definierte Vorgänge; die Multimomentstudie liefert repräsentative Anteile für größere Bereiche mit geringerem Beobachtungsaufwand. Beide Verfahren ergänzen sich, beantworten aber unterschiedliche Fragen.
Ablauf in nachvollziehbaren Schritten
Eine Multimomentstudie folgt einem klar strukturierten Ablauf. Die Reihenfolge sichert, dass die Beobachtungen repräsentativ sind und die Ergebnisse später belastbar interpretiert werden können.
- 01Fragestellung und ScopeZiel, Untersuchungsbereich und abzugrenzende Arbeitsplätze werden gemeinsam festgelegt.
- 02TätigkeitskatalogEin eindeutiger Katalog definiert die zu erfassenden Tätigkeiten und Verlustarten.
- 03Einbindung der BeteiligtenFührungskräfte, Beschäftigte und Betriebsrat werden frühzeitig informiert und beteiligt.
- 04RundgangsplanFeste Beobachtungspunkte und Wege sichern eine gleichmäßige Abdeckung des Bereichs.
- 05Zufällige KurzzeitbeobachtungenZu zufällig verteilten Zeitpunkten wird der jeweils angetroffene Zustand notiert.
- 06Ausreichende BeobachtungszahlDer Stichprobenumfang wird so bemessen, dass die gewünschte Genauigkeit erreicht wird.
- 07Statistische AuswertungAus den Momentaufnahmen werden prozentuale Anteile und deren Streuung berechnet.
- 08ErgebnisworkshopDie Resultate werden mit den Beteiligten eingeordnet und in Maßnahmen übersetzt.
Wie dieses Vorgehen konkret für Ihren Bereich ausgestaltet wird, zeigt die zentrale Leistungsseite:
REFA-Multimomentstudien im DetailWie lange dauert eine Multimomentstudie?
Eine pauschale Tageszahl wäre unseriös. Die Dauer einer Multimomentstudie ergibt sich aus der Kombination mehrerer Faktoren und wird zu Beginn gemeinsam realistisch abgeschätzt. Grundsätzlich gilt: Je größer und vielfältiger der Untersuchungsbereich und je höher die geforderte Genauigkeit, desto mehr Beobachtungen und damit desto mehr Zeit sind erforderlich.
Aus diesen Faktoren leiten wir zu Projektbeginn einen konkreten, nachvollziehbaren Zeitrahmen ab – statt einer erfundenen Standardzahl.
Welche Ergebnisse die Studie liefert – und welche nicht
Das Ergebnis einer Multimomentstudie ist ein sachliches, statistisch abgesichertes Bild der Arbeitszeitverteilung. Es bildet die Grundlage für fundierte Entscheidungen – ohne einzelne Personen zu bewerten.
- Tätigkeitsanteile: Verteilung der Arbeitszeit auf produktive Tätigkeiten und Nebenzeiten.
- Verlustzeitenstruktur: Art und relatives Gewicht der auftretenden Verlustzeiten.
- Schicht- und Bereichsvergleich: Unterschiede zwischen Schichten, Linien oder Bereichen.
- Ursachen: Hinweise auf wiederkehrende Auslöser von Warten, Suchen und Störungen.
- Personal- und Organisationsfragen: sachliche Basis für Kapazitäts- und Organisationsentscheidungen.
- Priorisierte Maßnahmen: nach Wirkung und Aufwand geordnete Ansatzpunkte.
- Sie liefert keine präzisen Vorgabezeiten für einzelne, eng definierte Vorgänge – dafür ist die Zeitaufnahme das geeignete Verfahren.
- Sie bewertet keine individuellen Leistungen einzelner Beschäftigter.
- Sie erklärt Ursachen nicht automatisch abschließend; die Interpretation erfolgt gemeinsam im Ergebnisworkshop.
Anonymisiertes Praxisbeispiel
Ein Fertigungsbereich mit mehreren gleichartigen Arbeitsplätzen und Mehrschichtbetrieb hatte den Eindruck, dass die verfügbare Zeit nicht vollständig in der eigentlichen Fertigung ankommt. Belastbare Zahlen dazu fehlten.
Gemeinsam wurden Scope und Tätigkeitskatalog festgelegt, die Beteiligten einschließlich Betriebsrat eingebunden und ein Rundgangsplan für die relevanten Schichten erstellt. Über den vereinbarten Zeitraum wurden zufällig verteilte Kurzzeitbeobachtungen erfasst.
Die Auswertung zeigte, dass ein spürbarer Teil der Zeit auf Nebenzeiten und Verlustzeiten entfiel, insbesondere auf Warten und Suchen. Zwischen den Schichten traten nachvollziehbare Unterschiede auf, die auf organisatorische Ursachen hindeuteten.
Im Ergebnisworkshop wurden die Befunde eingeordnet und in priorisierte Maßnahmen übersetzt – etwa zur Materialbereitstellung und zur Organisation von Werkzeug und Information. Die Umsetzung erfolgte schrittweise durch den Bereich selbst.
Dieses Beispiel ist verallgemeinert und anonymisiert. Es nennt bewusst keine konkreten Zahlen, Namen oder Unternehmen und dient ausschließlich der methodischen Veranschaulichung.
Verlustzeiten sachlich sichtbar machen
Die Multimomentstudie liefert ein objektives, statistisch abgesichertes Bild der Arbeitszeitverteilung – ohne einzelne Personen zu bewerten und ohne erfundene Kennzahlen. Sie zeigt, wo produktive Tätigkeiten, Nebenzeiten und Verlustzeiten liegen, und schafft damit eine belastbare Grundlage für priorisierte Entscheidungen in Produktion, Industrial Engineering und Organisation.